Teil 1: Ein Forschungsergebnis erschüttert die Ökonomie
Dieses Forschungsergebnis könnte die Ökonomie erschüttern:
Am 13. Januar 2012 meldete die Pressestelle der MedUni Wien “Menschen verhalten sich auch ohne vorgegebene Regeln grundsätzlich sozial und eher mitfühlend und ‚gut’ als aggressiv.”
Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Wissenschaft Komplexer Systeme unter der Leitung von Stefan Thurner und Michael Szell. Die Forscher analysierten das Verhalten von mehr als 400.000 TeilnehmerInnen des “Virtual Life”-Spiels “Pardus” im Internet. Die Bilanz: Nur zwei Prozent aller Handlungen sind aggressiv, obwohl das Spiel zum Beispiel kriegerische Attacken mit Raumschiffen ganz einfach ermöglichen würde.
In der Studie wurden Millionen von menschlichen Interaktionen ausgewertet: Handlungen wie Kommunikation, Freundschaften schließen und beenden, Handel von Gütern, schlafen, bewegen, aber auch Feindschaften, Angriffe und Bestrafung. Das Spiel gibt keinerlei Regeln vor, jeder kann mit seinem Avatar – also mit seiner “Spielfigur” in der virtuellen Welt – leben, wie es ihm beliebt. “Und dennoch wird keine Anarchie gelebt”, sagt Thurner. “Die Teilnehmer organisieren sich selbst als soziale Gruppe mit gutem Willen. Fast alle Aktionen sind positiv. ”
Nach Meinung der Wiener Forscher “ticken” Menschen also ganz anders, als es die Grundparadigmen der Ökonomie voraussetzen.
Müssen wir das so genau wissen?
Hat dieses Forschungsergebnis Konsequenzen für unsere Arbeit als Kommunikations-Experten und Entwickler von Kommunikations-Maßnahmen?
PR-, Werbe- und Marketing-Berater sind nicht bekannt dafür, Ergebnisse aktueller empirischer Forschung selbständig auf ihr Arbeitsfeld zu übertragen. Diese “Kollegen” verfahren mit akademischen Erkenntnissen häufig nach dem Laien-Motto “So genau müssen wir das gar nicht wissen!”
Doch wir müssen uns die Konsequenzen der Studie aus Österreich genau ansehen.
Warum?
Weil wir belastbares Wissen darüber benötigen, was Menschen zu Handlungen motiviert. Nur so können wir ihr Kommunikationsverhalten verstehen, Beweggründe erklären und bekommen Anhaltspunkte, wie wir ihre Kommunikation beeinflussen können.
Kommunikation beeinflussen, gestalten und prägen – das ist genau das, was von uns als Kommunikations-Experten erwartet wird. Wir brauchen also ein fundiertes “working model” des Akteurs und Kommunikators, das abbildet, wie Personen in Kommunikations-Situationen reagieren und handeln. Mit Hilfe dieses Modells verfügen wir über eine “Anthropologie” – frei übersetzt: eine Wissenschaft vom Menschen -, die einen wichtigen Wissensbestand unserer Arbeit an Kommunikationskonzepten bildet.
Diskutieren wir einmal kurz die Anthropologie bzw. das Menschenbild, mit dem wir als Kommunikations-Profis und Konzeptioner laufend konfrontiert werden. Es handelt sich hierbei um das so genannte ökonomische Menschenbild.
Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass wir ständig mit dieser klassischen “Wirtschafts-Anthropologie” konfrontiert sind, welche die meisten unserer Gesprächspartner auf Klientenseite vermutlich sogar auf ihren Alltag und ihr Privatleben anwenden.
Gerade auf Seiten unserer Klienten finden sich solche Ansprechpartner, die von dieser Wirtschafts-Anthropologie besonders überzeugt sind. Das hat damit zu tun, dass sie meist einen wirtschaftswissenschaftlichen oder betriebswirtschaftlichen Bildungshintergrund haben und deshalb zu typischen “unter-sozialisierten” Sichtweisen neigen.
Ökonomisches Menschenbild kollidiert mit der Realität
Der Hintergrund dieses Menschenbildes der klassischen Wirtschaftstheorie stellt sich folgendermaßen dar:
Grundkonzept ist ein Konzept rationaler Entscheidungen, die besonders in der Ökonomie, aber auch in gewissen soziologischen Theorien verbreitet ist. Diese Ansätze schreiben den Handelnden bzw. den Akteuren die Kompetenz des rationalen Handelns zu. Individuen verfügten über die Fähigkeit und die Intention, ihren Nutzen möglichst weitgehend zu maximieren und Handlungskosten zu minimieren. Nutzenmaximierung und Kostenminimierung erscheinen Wirtschaftstheoretikern als Kern der menschlichen “Handlungslogik”.
Die “Untersozialisierung” des dabei zum Tragen kommenden Menschenbildes zeigt sich deutlich an dem Umstand, dass im Rahmen dieses Konzepts jeder Akteur Ich-fokussiert ist und keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen scheint.
Es ist durchaus nicht so, dass wir das ökonomische Menschenbild deshalb kritisieren sollen, weil es unser Selbstgefühl verletzte – weil es uns etwa beleidigt, als unveränderbar egoistisch dargestellt zu werden.
An diesem Menschenbild stört am meisten, dass es grundlegend mit der Realität kollidiert. – Genau das ist offenbar das Ergebnis, der aktuellen Studie der Forscher aus Wien.
Auf der Basis dieses ökonomischen Anthropologie-Modells kann nicht erklärt werden, wie die reale soziale Ordnung oder unsere stabile Wirtschafts-Marktordnung zustande kommt. Denn offenbar wird vorausgesetzt, jeder Wirtschaftsakteur denke nur an seinen eigenen Vorteil und nicht an die Bedürfnisse anderer Personen oder gar an soziale Interessen einer übergeordneten Gemeinschaft.
Aus diesem Grund greifen Wirtschaftstheoretiker zur Konstruktion von ökonomischen Gesetzen, die das “Wunder der Ordnung” angesichts eines realen Interessenchaos ohne menschliches Zutun – quasi automatisch- zustande bringen (etwa per “unsichtbarer Hand”).
Akteure sind keine Nutzenmaximierer, sondern betreiben “Satificing”
Die wesentliche Kritik am ökonomischen Menschenbild fußt also auf den Ergebnissen empirischer Untersuchungen und Beobachtungen, die zeigen, dass Akteure weder so rational noch so egoistisch sind, wie es das anthropologische Modell der klassischen Ökonomie voraussetzt.
Die zentrale Vorstellung hinter dem ökonomischen Menschenbild und seiner Annahme, Menschen seien grundsätzlich selbstsüchtig und unfähig zum Mitleiden mit ihren Mitmenschen, ist nachweislich falsch. In der Vergangenheit zeigten auch Versuche mit Kleinkindern, dass es vermutlich so etwas wie spontanes altruistisches menschliches Verhalten gibt.
Auch was die angeblich nutzenmaximierende Rationalität von Wirtschaftsakteuren angeht, irren sich Ökonomen. Die Untersuchungsergebnisse der ökonomischen Verhaltenswissenschaften untermauern genauso wie die aktuellen Resultate der Interaktionsforschung den Eindruck, dass Geschäftsleute gar keine konsequenten Nutzenmaximierer sind, sondern sich nach dem Konzept des “Satificing” verhalten.
Was verbirgt sich hinter dem Stichwort des “Satificing”?
Der Begriff ist zusammengesetzt aus den Wörtern “to satisfy” – englisch: befriedigen – und “to suffice” – englisch: genügen, reichen. Der Begriff Satificing bezeichnet die Tendenz, sich mit der Befriedigung eines Bedürfnisses zufrieden zu geben und nicht das optimale Ergebnis in einer Situation zu erwarten.
Satificing ist eine Entscheidungsfindungsstrategie, die darauf angelegt ist, den Aufwand für die Suche nach einer Lösung bei der Kosten-Nutzen-Analyse im Rahmen einer konkreten Handlung zu berücksichtigen. Das führt zu einer neuen Sichtweise in Bezug auf Wirtschaftshandeln:
Akteuren fehlt in Entscheidungssituationen häufig die Zeit oder der Zugang zu Informationen oder zu den Ressourcen, die notwendig wären, um eine Gewinnmaximierung überhaupt realisieren zu können. Außerdem wissen die Akteure in der Regel nicht, mit welcher Wahrscheinlichkeit das von ihnen angestrebte Ziel erreicht werden kann; zudem sind häufig Kosten m Vorhinein nicht überschaubar und planbar.
Akteure müssen deshalb meist “nach Gefühl” vorgehen und “aus dem Bauch” heraus handeln. Was sie dann wählen, ist die Handlungsalternative, bei der sie annehmen können, dass sie den bestmöglichen Ausgleich von Recherche-Aufwand, Planungsaufwand und möglichst geringer Verlustwahrscheinlichkeit treffen.
Geschäftsleute warten in den seltensten Fällen so lange, bis ihr “Deal” zu den absolut idealen Konditionen möglich wird. Sie greifen bei der “erstbesten” Gelegenheit zu, mit dem Ziel ein “gutes” Geschäft zu machen – “gut” in dem Sinne, dass es möglichst wenige Verlustrisiken mit sich bringt. Meist nehmen sie es darüber hinaus auf sich, mit Geschäftspartnern zu feilschen und nochmals Abstriche von einem theoretisch konstruierbaren idealen Abschluss zu machen:
Geschäftsleute sind in der Wirtschaftsrealität “Satisficer” und keine “Maximierer”.
Bereits der bekannte israelisch-US-amerikanische Psychologe und Verhaltensökonom Daniel Kahneman, der im Jahr 2002 zusammen mit Vernon L. Smith den Wirtschafts-Nobelpreis verliehen bekam, hat dazu beigetragen, die Hauptannahmen der klassischen Wirtschafts-Anthropologie zu widerlegen:
Zusammen mit seinen Mitarbeitern konnte er in Untersuchungen zeigen, dass Akteure normalerweise an ihren Besitztümern hängen und sich sogar noch daran klammern, wenn diese ihre ursprüngliche Leistung, ihren Nutzen nicht mehr erbringen, sondern sogar Kosten verursachen. Beispielsweise fanden sie heraus, dass Aktienanleger dazu neigen, ihre Aktien noch zu halten, wenn ihr Wert ins Fallen geraten ist und ein Verkauf längst geboten war.
(Ende Teil 1 – Teil 2 erscheint am 19. Januar 2012)
Quellen:
” Bunge, Mario; Social Science under Debate (1998) S. 130
” Bunge, Mario; Philosophy in Crisis (2001) S. 133
” Bunge, Mario; Chasing Reality. Strife over realism (2006) S. 176
” Droste, Heinz W.; Kommunikation – Planung und Gestaltung
öffentlicher Meinung. Band 2: Mechanismen, S. 291-345
” Fehr, Ernst; Urs Fischbacher; “The Nature of Human Altruism” (2003) S. 785-91
” Fehr, Ernst; Urs Fischbacher; Simon Gächter; “Strong Reciprocity, Human Cooperation an the Enforcement of Social Norms” (2002) S. 1-25
” Fehr, Ernst; Herbert Gintis; “Human Motivation and Social Cooperation: Experimental and Analytical Foundations” (2007) S. 43-Kahneman, Daniel; Paul Slovic; Amos Tversky; Judgement under uncertainty: Heuristics and biaces; Cambridge 1982
” Jensen, Keith; Josep Call; Michael Tomasello; “Chimanzees Are Rational Maximizers in an Ultimatum Game”; in: Science, Volume 318, 5. Oktober 2007; S. 107-9
” Thurner, Stefan; Michael Szell; Roberta Sinatra: “Emergence of Good Conduct, Scaling and Zipf Laws in Human Behavioral Sequences in an Online World” January 12, 2012 (http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0029796)
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